Wie Kapotschka zur Anquatscherin wurde

Kapotschka Karachow saß auf den Stufen des Bismarckturms im Stadtpark. Pommesgeruch, Kindergeschrei und Vogelgeschnatter wehte aus dem Tierpark zu ihr herüber. In den letzten Tagen und Stunden hatte sie Menschen angesprochen und gefragt, ob sie Ihr ein paar Fragen zu Bochum und zur Liebe beantworten könnten. Einige hatten „Ja“ gesagt, Andere „Nein“. Es waren schöne und interessante Gespräche entstanden, auch Momente der Irritation und der Peinlichkeit. Kapotschka war oft berührt von den Antworten der Menschen und stand manchmal hilflos vor Ihren Aussagen.
Auf den Stufen des Bismarckturms sitzend, dachte Kapotschka: „Das Ansprechen von Menschen ist so eine Sache…“ Auf der einen Seite kostete es Mut und war ihr teilweise unangenehm, auf der anderen Seite war es ihr wichtig dieses Fremdeln, was sie selber manchmal empfand, nicht zu groß werden zu lassen, weil sie glaubte, dass es nicht gerade zur Liebe beitrug. Einige der Befragten hatten gesagt, dass Sie an Bochum besonders die Direktheit der Menschen schätzen. Die Ehrlichkeit der Menschen mache Bochum zu einer Stadt der Liebe. Weil Liebe nur funktioniere, wenn es ehrlich zuginge.
Kapotschka dachte, dass das sicherlich stimmte, obwohl sie natürlich wusste, dass es auch schüchterne Bochumer*innen gab und einige der Befragten auch anmerkten, dass es einen feinen Unterschied zwischen Ehrlichkeit und Unhöflichkeit gäbe, der nicht zu unterschätzen wäre.

Manchmal war das Ansprechen von Menschen eine Kraftaneignung und manchmal fühlte sie sich ausgeliefert. Wenn sie zum Beispiel von einem Mann angesprochen wurde „Hey..Kennen wir uns nicht von irgendwoher?“ und sie antwortete: „Ich glaube nicht, aber hast du Lust mir ein paar Fragen für ein Kunstprojekt zu beantworten?“ fühlte es sich kraftvoller an, weil sie das Interesse des Gegenübers aufgreifen konnte und nicht in das übliche Irgendwie-Freundliches-Abwimmel-Muster verfiel, was sie sich in vielen Jahren angeeignet hatte.

Das Leben und Zusammenleben von Menschen ist immer vielschichtig und so kommt es, dass Sie Kontakt miteinander haben wollen, aber nicht immer wissen, wie es dazu kommen kann. Kapotschka hatte schon früh gelernt, dass sie sich lieber nicht auf der Straße anquatschen lassen sollte und weil sie auch schon früh argwöhnisch gegenüber allem war, was ihr so beigebracht wurde hatte sie sich oft auf Gespräche, Kaffees oder das Austauschen von Telefonnummern eingelassen. Das war manchmal schön, manchmal auch nicht. Meistens aber nahm sie sich nicht die Zeit dafür.
„Entschleunigung“ hatte eine befragte Person angegeben als Maßnahme, damit Bochum noch mehr Stadt der Liebe würde. „Das nicht alle mit Scheuklappen von A nach B hetzen“. In einer entschleunigten Welt hätten Menschen bestimmt auch mehr Innenraum um sich auf der Straße anquatschen zu lassen.

Nun war Kapotschka die Anquatscherin. Wie anstrengend das werden konnte wurde ihr jetzt auf den Stufen dieses Bismarckturms klar. Nicht nur, dass sie natürlich auch Absagen kassierte, damit hatte sie gerechnet. Sie musste auch all die Informationen, die sie bekam, verarbeiten.
„Na, das war doch irgendwie klar.“ quatschte sie ein Realitätssinn von der Seite an. „Oh hey! Schön, dass du mal vorbeischaust!“ gab sie mit bitterem Beigeschmack zurück. „Tja, meine Liebe, sorry ich war unterwegs, hatte viel zu tun, International, versteht sich. Aber, jetzt bin ich ja hier! Und? Wie läuft es so?“
-“ Naja, also ich bin jetzt Anquatscherin und krieg ganz schön viel zu hören! Was man hier alles besser und schöner machen könnte! Mehr Parks, schönere Spielplätze, weniger Autos, bessere Straßen, Fahrradwege…Oh je. Bin ich Städteplanerin? Manche Menschen wollen nicht über die Liebe reden! Die wollen gar nicht über die Liebe nachdenken. Manche empfinden Bochum als eine Beispielstadt für Nächstenliebe und viele finden „damit geht‘s den Bach runter.“ Ein türkischer Mann, der seit dreißig Jahren in Bochum lebt, wollte aus Sicherheitsgründen nicht, dass ich irgendwas mitschreibe oder aufnehme und eine ältere Dame erzählte mir von den Zeiten der Chemieindustrie, als sie ihre Kinder nicht auf die Straße lassen konnte, weil die Luft so giftig war.“ „Und nun merkst du, dass das ein ganz schönes Pottpüree aus Informationen ist?“ -“ Ja.“ „Und was hast du da in dem Beutel?“ Kapotschka holte eines von ihren Dankeschön- und Einladungstütchen heraus, die sie jeder Person nach den Interviews gab. „Vielleicht solltest du dir ein Schild umhängen auf dem steht: Du kriegst auch nen Keks.? “ – „Darüber habe ich auch schon nachgedacht, aber ich finde es klingt so entschuldigend.“ „Hör zu, als Realitätssinn sage ich dir folgendes: Mach weiter. Es ist normal manchmal auf diesen Stufen zu sitzen und zu finden, dass alles ganz anstrengend ist. Es hat ja auch niemand gesagt, dass es nur einfach wäre. Gerade als ungeübte Anquatscherin! Trink doch ein Fiege Radler und besinn dich darauf, dass du Forscherin bist, nicht Alles-Schon-Wisserin!“
Und so erhob sich Kapotschka. Sie quatsche noch ein paar Menschen an, die mitunter verwundert waren über die gewagte These, Bochum könne eine Stadt der Liebe sein. „Naja, watt soll‘s? Warum nich?“